Bewußt fasten in der heutigen Zeit

Fasten findet in einer Zeit, die ansonsten ganz auf Überfluss und Fülle setzt, trotzdem immer mehr Anhänger. Als ich vor 20 Jahren unseren ersten Fastenkurs ausschrieb, hatte ich Zweifel, ob sich überhaupt genug Teilnehmer fänden. Heute halte ich vier Kurse im Jahr, und Fasten ist weit mehr als ein Geheimtip sowohl in der Gesundheits- wie auch in der spirituellen Szene. Es hat eine stabile, immer noch wachsende Anhängerschaft.

Die weit überwiegende Zahl der Krankheitsbilder spricht sehr gut auf Fasten an, weshalb es uns als Begleitmaßnahme für deren Psychotherapie unverzichtbar geworden ist. Und es ist wohl auch kein Zufall, dass alle großen Religionen es ihren Anhängern ans Herz legen. „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“, weiß der Volksmund, die Religionen wissen, dass Fasten der Seele erlaubt, Abstand zu nehmen und zu erkennen, dass sie in einem Körper lebt, der wichtig aber nicht alles ist. Aus diesem Körperhaus einen Tempel der Seele zu machen, ist ein typischer Wunsch, der in Fastenzeiten auftaucht und die Seele beflügelt. Wer fastet, ist– nach Ansicht der heiligen Schriften – auf guten Weg zu sich und sogar zur Einheit oder Gott.
Insofern wirkt es eigenartig, wenn heute selbstberufene Spezialisten für ayurvedische oder chinesische Medizin bestimmte Menschen dringend davor warnen. Mir kommt es immer mehr als mutig vor, sich gegen die heiligen Schriften zu stellen und es hat sich weder in der Medizin noch in der Psychologie langfristig bewährt. Allerdings ist es richtig, dass Menschen mit bestimmten Konstitutionen sich fastend schwerer tun als andere. Aber gerade schwere Aufgaben vermitteln wichtige Lernschritte. Einer Frau mit niedrigem Blutdruck, schwachem Bindegewebe und geringer Eigenwärme fällt Fasten viel schwerer als einem Hochdrucktyp mit großer Eigenwärme. Nach meinen Erfahrungen ist es für beide gut, aber für die Frau noch viel wichtiger, denn für sie wirkt es auf der homöopathischen Schiene, weshalb sie auch mit deutlicheren Erstverschlimmerungen zu rechnen hat. Tatsächlich sinkt der Blutdruck durch Fasten noch ein Stück, was sie ungleich mehr spürt als ein Hochdrucktyp. Für den ist Fasten gleichsam allopathisch, senkt es doch den Druck in seinem ganzen Leben. Das ist auch gut, langfristig aber führt nur der homöopathische Weg zur Heilung. Ich konnte so erleben, wie regelmäßiges Fasten über die Jahre sogar eine Konstitution verändern kann.
Auch wenn man ärztlicherseits bei einigen Krankheitsbildern vorsichtig sein muß, fällt doch auf, wie mutig Otto Buchinger, der Pioneer unter den modernen Fastenärzten noch war. Er ließ selbst Psychotiker fasten, wir trauen es uns im Heil-Kunde-Zentrum gerade noch und nur unter intensiver Psychotherapie in manchen Fällen von Borderline-Syndrom, also dem Übergang zum Psychotischen. Und damit stehen wir schon ziemlich allein.
Heute herrscht in der Medizin großer Mut zu extremen Eingriffen, beim Fasten – der einfachsten und von Tieren und Kindern spontan gewählten Therapie bei Krankheit – ist man bis in naturheilkundliche Kreise hinein eigenartig vorsichtig. Schulmediziner sehen plötzlich die sensiblen Gleichgewichte in Gefahr, Naturheilkundler fühlen sich berufen, heiligen Schriften zu widersprechen. Was ist da los?
Könnte es einer der Nachteile des Fastens sein, dass Therapeuten dadurch Patienten verlieren? Wir haben viele verloren, einfach weil sie bei einem Fastenseminar merken, wie leicht es geht, wie gut es tut und dass sie es selbst können, und so gesunden sie in eigener Regie. Nicht wenige finden auf diesem einfachen Weg wieder Zugang zu ihrem inneren Arzt und können dann auf den äußeren leichter verzichten.
Das könnte auch der Grund sein, warum selbst Kirchenvertreter z.T. vor dem Fasten warnen. Menschen finden beim Fasten nicht selten zu erhebender Leichtigkeit und manchmal entdecken sie – bei bewusstem Fasten – Gott in ihrem Herzen. Auch das macht unabhängig von äußeren „Wegweisern“. Fastenärzte kennen die sogenannte Fasteneuphorie. Euphorie und Ekstase als Symptome zu bekämpfen, ist ein typisches Zeichen unserer entzauberten Welt, so behindert man das Leben. Als ich für mein das Buch „Die Leichtigkeit des Schwebens“ all jene Meditationen und Übungen zusammenstellte, die mir aus 30 Jahren übrig geblieben sind, um solche Zustände schwebender Leichtigkeit herbeizuführen, gehörte natürlich Fasten dazu. Unter den gar nicht so wenigen Methoden, die Zugang zu diesem Land des beschwingten Schwebens gewähren, ist Fasten sicher eine der anspruchsvollsten, verlangt es doch Überwindung und Disziplin, Beschränkung und Loslassen, aber es beschenkt einen auch wie wenig andere Exerzitien mit Klarheit des Geistes und der Seele, Reinheit des Körpers und sogar mit Lebenslust und Leichtigkeit. Im Gegensatz zu den Therapeuten ist es der Bevölkerung deshalb auch durchaus nahe. Unter den Fliege-Sendungen, wo ich zu Gast war, fand die über das Fasten und seine wunder-vollen Ergebnisse ein überwältigendes Echo. Es ist soo einfach, soo billig und niemals umsonst.